Verhütung auf Augenhöhe:
Warum gemeinsame Verhütung die Beziehung stärkt
Ein Interview mit Expertin Marthe Kniep, Sexualpädagogin
Marthe Kniep über moderne Verhütung, gemeinsame Verantwortung und echte Intimität
Verhütung ist längst keine reine „Frauensache“ mehr, sondern das Fundament einer gleichberechtigten Partnerschaft. Doch wie gelingt der Wechsel von hormoneller Unterdrückung zu echter gemeinsamer Verantwortung? Wir sprechen mit Marthe, Sexualpädagogin und ehemalige Leiterin des Bravo Dr. Sommer Teams. Sie erklärt, warum Zykluswissen kein Rückschritt ist, sondern ein Befreiungsschlag für die Liebe und die Gesundheit beider Partner.
Marthe, Verhütung wird oft als reine „Frauensache“ gesehen. Findet hier ein Wandel in modernen Beziehungen statt?
„Absolut! Es gibt eine wachsende Bewegung von Frauen, die auch in Sachen Verhütung einen natürlichen Weg gehen. Sie möchten ihr ursprüngliches Körpergefühl bewahren oder zurückhaben und ihre Gesundheit nicht durch mögliche Nebenwirkungen von Hormonen riskieren. Diese Sicherheit ist ihnen mindestens so wichtig wie der Wunsch, nicht ungeplant schwanger zu werden. Und genauso gibt es immer mehr Männer, die ihrer Frau kein gesundheitliches Risiko mehr zumuten möchten, nur damit sie zum Beispiel auf Kondome verzichten können. Diese Paare übernehmen gemeinsam die Verantwortung für Gesundheit und Familienplanung, was ein wichtiger stabilisierender Faktor für Beziehungen ist!“
Welche positiven Veränderungen erleben Frauen durch hormonfreie Verhütungsmethoden in Bezug auf ihre Beziehung?
„Tatsächlich kann der bewusste Umgang mit dem Fruchtbarkeitsaspekt von Sexualität die Atmosphäre beim Sex verändern. Wenn ein Paar um fruchtbare oder unfruchtbare Tage weiß, verbindet das anders miteinander, weil es auf der Bewusstseinsebene klar ist und darüber kommuniziert wird! Es entsteht eine andere Verbindung auf der Ebene der Verantwortung füreinander. Und auch wenn es zum Thema Libidoverlust angeblich keinen eindeutigen Zusammenhang mit der Pille geben soll, höre ich immer wieder Frauen, die dies so empfinden: Weniger Lust auf Sex seit der Pilleneinnahme. Das Absetzen hormoneller Verhütungsmittel bringt manchmal mehr Lust zurück. Das ist für viele ein triftiges Argument, die Freude am Sex haben möchten.“
Wie hilft das Wissen über den eigenen Zyklus konkret im Beziehungsalltag?
„Wenn eine Frau zum Beispiel weiß, welche Hormone dazu beitragen, dass sie gerade lieber Schokolade essen oder mit einer Freundin telefonieren möchte, statt mit ihrem Freund zu schlafen oder Sport zu machen, kann sie oft selbstbewusster damit umgehen – statt sich defizitär zu fühlen oder sich ein Beziehungsproblem einzureden. Da geht es auch um Selbstfürsorge: Wer seine unterschiedlichen, natürlich schwankenden Stimmungen und Energiekurven mit ihren Vor- und Nachteilen kennt, kann damit bewusster umgehen. Darin liegt die Chance, vorausschauend für sich zu sorgen.“
Wie können Methoden wie NFP (Natürliche Familienplanung) das Selbstbild der Frau stärken?
„Manche Frau schafft es durch genaues Körperwissen, wie in der NFP oder der Achtsamkeitsbewegung, ihren Körper wieder zu einem Ort der Selbstbestimmung zu machen, dessen Abläufe feiner abgestimmt sind als bei einem Schweizer Uhrwerk und der jede Wertschätzung verdient. Und manche Männer sind zu diesen erzogen oder geworden, die dem respektvoll begegnen und ihren Teil dazu beitragen, dass sie und ihre Partnerin gesund bleiben. Wir wissen heute genug darüber, dass wir dem Zufall nicht mehr ausgeliefert sind, wenn wir auch in Sachen Verhütung einen natürlichen Weg einschlagen.“
Hormonfreie Verhütung erfordert Disziplin. Worauf sollten Frauen bei der Partnerwahl oder in der Kommunikation achten?
„Hormonfreie Verhütung ist dann entspannt, wenn beide Partner ernsthaft in die Verantwortungsübernahme gehen. „Wird schon nichts passieren Typen“ sind dafür nicht die Richtigen! Eine Frau, die sich mit Verhütung und ihrem persönlichen Zyklus gut auskennt, lässt sich normalerweise nicht so schnell zu Leichtsinn hinreißen. Sie behält eher einen klaren Kopf bei ins Ohr geraunten Versprechen wie: „Ich pass schon auf!“ Doch trotzdem haben Frauen auch heute noch Sorge, den Mann vor den Kopf zu stoßen, wenn sie mal „nein“ zum Sex sagen oder auf ein Kondom bestehen. So emanzipiert oder selbstbewusst sind selbst viele erwachsene Frauen immer noch nicht. Ein gewisses Standing ist da schon wichtig, wenn Verhütung auch mal den Mann herausfordert, die Sache in die Hand zu nehmen – wie auch immer das dann aussieht.“
Was ist Deine Kernbotschaft an die Männer?
„Auf den Punkt gebracht finden viele Frauen Männer unattraktiver und sehen sie als unreifer an, die mit dem Thema Verhütung gar nichts am Hut haben wollen. Das ist nicht auf Augenhöhe und von Partnerschaftlichkeit oder Gleichwürdigkeit weit weg. Wenn du als Mann sicher sein willst, kümmere dich deshalb genauso um Verhütung wie die Frau. Das gilt außerhalb von Partnerschaft natürlich genauso! Denn das sollte einem Mann klar sein: Er steigt im Ansehen der Frau, wenn er sich ebenfalls damit beschäftigt, was in Sachen Fruchtbarkeit bei ihr gerade Phase ist und wo er Verantwortung übernehmen kann, indem er an entscheidenden Tagen einfach schon mal das Kondom rausholt, statt leidig guckend zu fragen, ob er heute eins benutzen muss! Eine Frau will nicht seine Mutti sein, die ihn immer wieder erinnern muss, was er machen soll! Das ist absolut unsexy!“
Warum fällt es uns eigentlich so schwer, offen über unsere Bedürfnisse und Unsicherheiten im Bett zu sprechen?
„Es fällt uns oft leichter, über den Sex anderer zu reden oder zu mutmaßen. Das kann richtig Spaß machen. Aber wenn es an uns selbst geht, spüren wir schnell eigene Unsicherheiten, Scham oder Wissenslücken. Bevor man zugibt, dass man im Bett noch nicht so den Plan hat, versucht man dann lieber irgendwie zu performen. Oft inspiriert von Pornos! Praktiken, die Menschen tatsächlich selten alle aus sich selbst heraus in dieser Art und Taktung tun würden! Wirklich wissen, was man selber mag oder mal probieren möchte, tun die meisten dann aber noch nicht. Sich erst mit sich selbst und dann zusammen auf Forschungsreise zu begeben, ist durch nichts zu ersetzen, braucht aber auch ein gewisses Vertrauen, das man in einem One-Night-Stand oder am Anfang einer Beziehung normalerweise noch nicht hat.“
Welchen Rat gibst Du Frauen, die Angst haben, dass der Partner abspringt, wenn sie klare Regeln für die Verhütung aufstellen?
„Wenn da mehr Mut zum Klartext wäre, dass nichts läuft, wenn er sich nicht einbringt, dann kämen die Männer auch schneller in die Verantwortung – weil die Frau deutlich macht, dass es alternativlos ist. Dazu braucht es aber die Bereitschaft, es drauf ankommen zu lassen, ob er die Herausforderung annimmt oder nicht. Und da tun sich dann wieder die Frauen schwer. Die Frage ist doch: Möchte man mit einem Mann die Verantwortung für ein Kind haben, wenn er schon nicht die Verantwortung für Verhütung mittragen möchte?“
Wie sieht für Dich eine zeitgemäße Kommunikation über Verhütung aus?
„Ich finde es wichtig, dass sich beide informieren und beide offen sprechen, auf welche Methode sie sich verlassen möchten. Haben beide zu etwas „ja“ gesagt, ist das der erste Schritt der Verantwortungsübernahme. Damit das Gelingen nicht von der Frau abhängt, sollte der Mann mitziehen und ebenfalls gucken, ob an alles gedacht ist. Ich nehme es so wahr, dass meistens die Frau den größeren Überblick hat. Und fairerweise muss man auch sagen, dass manche Frau sich da keine Einmischung wünscht. Da muss der Mann dann wieder für sich entscheiden, ob ihm das an Teilhabe und Sicherheit genügt.“
Fazit
Marthe macht klar: Hormonfreie Verhütung ist moderne Selbstbestimmung. Wer die „Steinzeitsoftware“ der ständigen Anpassung hinter sich lässt und den Zyklus als gemeinsamen Kompass versteht, gewinnt an Intimität und Vertrauen. Wahre Emanzipation im Schlafzimmer bedeutet, dass Verantwortung nicht mehr delegiert, sondern geteilt wird – für eine Sexualität auf Augenhöhe.
Über Marthe Kniep
Sexualpädagogin & ehem. Leitung des Bravo Dr. Sommer Teams
Marthe Kniep ist Sexualpädagogin und Paartherapeutin. Die ehemalige Dr. Sommer Expertin begleitet heute Menschen mit fundiertem Fachwissen bei allen Fragen rund um moderne Beziehungen.
Der Artikel wurde zuletzt am 12.05.2026 aktualisiert.