Hormonfreie Verhütung:
Warum Zykluswissen die neue Freiheit ist
Ein Interview mit Expertin Marthe Kniep, Sexualpädagogin
Marthe Kniep über hormonfreie Verhütung, echte Partnerschaft und die Rückkehr zum eigenen Körpergefühl
Lange galt die Pille als das ultimative Symbol der weiblichen Freiheit. Doch heute hinterfragen immer mehr Frauen den Preis der dauerhaften Zufuhr künstlicher Hormone. Zwischen dem Wunsch nach maximaler Sicherheit und der Sehnsucht nach einem ungefilterten Körpergefühl suchen sie nach neuen Wegen. Marthe Kniep erklärt im Interview, warum „hormonfrei“ kein Risiko sein muss, wie Männer heute Verantwortung übernehmen und warum das Wissen um den eigenen Zyklus weit mehr ist als nur eine Verhütungsmethode – nämlich echte Selbstfürsorge.
Marthe, das Wort „hormonfrei“ wird oft skeptisch betrachtet. Ist diese Skepsis berechtigt, oder ist hormonfreie Verhütung heute sicher?
„Hormonfrei ist ja erstmal ein Schlagwort, das alle möglichen Versuche beinhalten kann, ohne Hormone zu verhüten – auch die riskanten, wie den Coitus interruptus. Deshalb haftet dem Begriff „hormonfrei“ oft etwas Heikles an, was aber nicht in jedem Fall gerechtfertigt ist. Wenn Menschen sich nämlich ein solides Wissen über die körperlichen Veränderungen während des Zyklus aneignen und verstanden haben, wie sie dies in Bezug auf die Fruchtbarkeit deuten können, sieht es schon ganz anders aus.“
Welche Gründe bewegen Frauen heute dazu, sich bewusst gegen Hormone und für natürliche Alternativen zu entscheiden?
„Vorteile von hormonfreier Verhütung gibt es gleich mehrere. Der wichtigste ist für viele die Vermeidung gesundheitlicher Risiken durch die Einnahme von Hormonen, die es nun mal gibt. Mehr Gleichberechtigung in der Verantwortungsübernahme für Verhütung von Partnern, Umweltschutz und die Unabhängigkeit von der Pharmaindustrie sind aber auch vielen wichtig.“
Viele junge Frauen entscheiden sich immer noch für die Pille. Warum fällt uns dieser gesellschaftliche Umdenkprozess so schwer?
„Sicherheit ist immer ein hohes Gut. Das gilt auch für Verhütungssicherheit! Und für die Großmütter oder Mütter heutiger junger Frauen war die Pille noch eine Befreiung. Das hatte auch eine politische Ebene. Hier ändert sich nun ganz langsam etwas hin zu dem Wunsch nach Natürlichkeit bei gleichzeitiger Sicherheit. So ein Umdenken bei so etwas Grundsätzlichem geschieht oft nicht in einer Generation. Eine Empfehlung aus der Familie hat nun mal Gewicht, wenn sich junge Frauen Gedanken machen, welcher Weg für sie der passende sein könnte. Und wenn die Mutter zur Pille rät, braucht es schon einen starken Wunsch beim jungen Menschen, sich selbst genau informieren zu wollen, und dem mütterlichen Rat nicht unhinterfragt zu folgen. Zumal, wenn die Mutter mit der Pille zufrieden war.“
Dennoch beobachten wir einen Wandel in der Gesellschaft. Warum empfinden immer mehr Frauen die Pille heute eher als Belastung?
„Es gibt seit der Pille gewissermaßen zwei Lager. Die einen setzen auf das Versprechen einer gewissen unkomplizierten Sicherheit durch hormonelle Verhütung. Die anderen wollen das nicht oder nicht länger unkritisch mittragen und beschäftigen sich mit dem Thema hormonfreie Verhütung. Letztere werden immer mehr. Die Einnahme von hormonellen Verhütungsmitteln wird vor allem von Frauen immer mehr als unnatürlicher Eingriff in den Körper erlebt, der auch etwas von Fremdbestimmung und Abhängigkeit hat. Viele Frauen wollen wissen, was in ihnen vorgeht, möchten alles „pur“ erleben und ihre Gesundheit als ein hohes Gut wahren.“
Stichwort hormonfrei: Wo genau setzt trackle an und warum ist dieser Weg für Frauen heute so attraktiv?
„Wenn eine zertifizierte, hormonfreie Verhütungsmethode – wie z. B. trackle – zusammen mit solidem Körperwissen Frauen eine sichere, natürliche Verhütung ermöglicht, ist das einfach attraktiver als die hormonellen Alternativen, weil es viel besser zu den Werten dieser Frauen passt.“
Beeinflusst der Wechsel zu einer hormonfreien Methode eigentlich das Erleben der eigenen Sexualität und die Dynamik in der Partnerschaft?
„Wer sich in das Feld hormonfreier Verhütung begibt, wird viel über sich selbst und die verschiedenen Qualitäten lernen, die in jeder Zyklusphase liegen. Mit der Einnahme hormoneller Verhütungsmethoden bleibt dieses Erleben oft auf der Strecke oder wird zumindest deutlich schwächer wahrgenommen. Tatsächlich kann der bewusste Umgang mit dem Fruchtbarkeitsaspekt von Sexualität die Atmosphäre beim Sex verändern – Nicht im Sinne von Nervenkitzel, sondern weil dieser Teil einfach nicht mehr so ausgeklammert oder abgestellt ist. Wenn ein Paar um fruchtbare oder unfruchtbare Tage weiß, verbindet das anders miteinander, weil es auf der Bewusstseinsebene klar ist und darüber kommuniziert wird! Es entsteht eine andere Verbindung auf der Ebene der Verantwortung füreinander.“
Viele Frauen erleben ihre Zyklusschwankungen eher als Belastung. Wie kann uns das Wissen über den eigenen Zyklus im Alltag helfen?
„Da die psychische Ausgeglichenheit viel mit dem Hormonstatus einer Frau zu tun hat, ist das Wissen darüber im Grunde ein Handwerkszeug zu einem guten Umgang mit Körper und Seele im Alltag. Ich muss mir zum Beispiel keine Höchstleistungen abverlangen an Tagen, an denen ich hormonbedingt weniger belastbar oder empfindsamer bin als sonst. Und andersrum kann ich timen, wann ich auf Topform hoffen darf, weil ich genug von den Hormonen am Start habe, die Energie, Motivation und ein gesundes Maß an Aggression ankurbeln. Im Leistungssport wird das längst einbezogen. Warum nicht auch im Familien- oder Arbeitsalltag!?“
Fazit
Der Verzicht auf Hormone ist heute kein Rückschritt in unsichere Zeiten, sondern ein bewusster Schritt nach vorne. Wie Marthe Kniep verdeutlicht, bietet die Kombination aus moderner Technologie und biologischem Wissen Frauen die Chance, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Am Ende profitieren nicht nur der Körper, sondern auch die Partnerschaft und die psychische Freiheit.
Über Marthe Kniep
Sexualpädagogin & ehem. Leitung des Bravo Dr. Sommer Teams
Marthe Kniep ist Sexualpädagogin und Paartherapeutin. Die ehemalige Dr. Sommer Expertin begleitet heute Menschen mit fundiertem Fachwissen bei allen Fragen rund um moderne Beziehungen.
Der Artikel wurde zuletzt am 22.04.2026 aktualisiert.