Zykluswissen als Medizin der Zukunft:
Den eigenen Körper lesen lernen
Ein Interview mit Prof. Dr. Mangler
Prof. Dr. Mangler über hormonfreie Sicherheit, ein neues Körperverständnis und die Medizin der Zukunft
Lange Zeit wurde der weibliche Zyklus als unberechenbarer Faktor abgetan. Doch was passiert, wenn Frauen aufhören, nur „funktionieren“ zu wollen, und stattdessen zu Expertinnen ihrer eigenen Biologie werden? In einer Zeit, in der hormonelle Verhütung zunehmend kritisch hinterfragt wird, weist Prof. Dr. Mangler den Weg zu einer individualisierten Gesundheitsbetrachtung. Im Interview erklärt sie, warum die Kenntnis der eigenen Zyklussignale eine Form der Selbstermächtigung ist, weshalb viele Verhütungsmethoden einer „Übertherapie“ gleichen und wie wir durch technologische Unterstützung wie trackle die Kontrolle über unser Wohlbefinden zurückgewinnen.
Prof. Dr. Mangler, viele Frauen kennen ihren Zyklus nur oberflächlich. Warum ist das bewusste Wahrnehmen der Zyklussignale so wertvoll für das allgemeine Wohlbefinden?
„Den Zyklus zu kennen und zu deuten, gibt uns die Möglichkeit, den Körper zu verstehen und zu steuern. Zyklusgesundheit kann dazu beitragen, den menschlichen Körper besser zu lesen und zu regulieren: In welcher Zyklusphase befinde ich mich, welche Verbesserungen meines Befindens, meiner Lebensqualität und meiner Symptome sind möglich und wie genau kann ich das tun?
Es bietet auch die Möglichkeit einer individualisierten Gesundheitsbetrachtung. Wenn mir in der zweiten Zyklushälfte mehr Schlaf hilft, mich besser zu fühlen, dann ist dies eine direkt wissenschaftlich abgeleitete Erkenntnis zum eigenen Körper – eine „n=1-Studie“ sozusagen. Das ist die Medizin der Zukunft: den eigenen Körper lesen, deuten und Veränderungen interpretieren, nicht von anderen Menschen auf den eigenen Körper schließen.“
Warum verändert sich so viel, wenn Frauen ihren Körper nicht mehr als etwas betrachten, das „funktionieren“ muss, sondern als etwas, das sie verstehen lernen?
„Weil man dadurch kompetenter und wissender wird. Letztendlich eignen sich fast alle Frauen medizinische Kompetenz im Laufe des Lebens an, ganz zwangsläufig, weil es sie betrifft. Dadurch werden sie Expertinnen – und trackle hilft dabei.
Wenn wir verstehen, dass es keine Funktionen sind, denen wir ausgeliefert sind, dann können wir den Zyklus als das verstehen, was er ist: ein Zeichen für Gesundheit und eine Steuerungsmöglichkeit für mehr Wohlbefinden. Darüber kann auch eine biografische und gesellschaftliche Steuerung erfolgen: Wann lege ich Bewerbungsgespräche, Gehaltsverhandlungen, werde ich schwanger oder nicht etc.?“
Was passiert medizinisch, wenn Frauen beginnen, ihren Zyklus bewusst wahrzunehmen? Welche Vorteile hat das für Wohlbefinden und reproduktive Gesundheit?
„Es ist nicht einfach, den Zyklus zu verstehen, und oft fühlen sich Frauen diesem ausgeliefert. Wenn man sich das Wissen darüber jedoch nach und nach aneignet, dann wird man dadurch stärker, weniger verunsichert, klarer und kompetenter. Wenn man in diesem Feld Selbstermächtigung schafft und lebt, kann man das auch auf andere Bereiche übertragen. Viele Frauen fühlen sich in unterschiedlichen Zyklusphasen unterschiedlich, und oft wird so getan, als seien Frauen unberechenbar. Das stimmt nicht. Und man kann durch einen klaren Blick auf den Zyklus das Verständnis und das Wohlbefinden steigern.
Reproduktive Gesundheit ist auch wichtig für viele. Kann ich überhaupt schwanger werden? Viele starten ihren Kinderwunsch und wissen das nicht. Wenn sie aber vorher schon getrackt haben, ob Eisprünge stattfinden, kann man ganz zuversichtlich in diese Situation gehen – oder wenn man merkt, man hat keine, kann man die Basis für eine Schwangerschaft schon vorher abklären und optimieren.“
Viele denken, Verhütung müsse „rund um die Uhr“ stattfinden. Warum ist das ein Irrglaube – und was bedeutet es, dass Frauen nur an wenigen Tagen im Zyklus fruchtbar sind?
„Medizinisch bedeutet es, dass wir eigentlich auch nur an diesen Tagen Verhütung brauchen. Viele Verhütungsmittel sind daher eine Art Übertherapie und belasten oder verändern damit unnötigerweise unseren Körper. Eine optimierte Verhütung wirkt dann, wann man sie braucht – und wenn man sie nicht braucht, dann belastet sie den Körper nicht.“
Warum lohnt sich ein genauer Blick auf Nebenwirkungen hormoneller Methoden – und worauf sollten Frauen aus gynäkologischer Sicht bei der Wahl ihrer Verhütung achten?
„Die Nebenwirkungen sind vielfältig und vor allem bei jeder anders. Es ist wichtig zu verstehen, dass unterschiedliche Veränderungen des Körpers und der Psyche auftreten können, die alle das Leben verändern. Manchmal auch zum Positiven, oft auch unerwünscht. Das sollte man nicht leichtfertig entscheiden. Bei der Wahl der Verhütung sollte man immer die Lebensphase und die Nebendiagnosen oder Erkrankungen in der Familie berücksichtigen. Hat die Mutter Thrombosen, dann kann das auch für die Person selbst gelten. Da sollte man vorsichtig sein mit hormonellen Mitteln. Der Anspruch an Verhütung ändert sich im Laufe des Lebens.“
Was macht die symptothermale Methode so zuverlässig – und welche Rolle spielt dabei die Messung der Basaltemperatur, wie sie etwa bei trackle genutzt wird?
„Sie ist deswegen so hilfreich, weil sie keine Annahmen trifft, sondern am Individuum misst und daher direkt individualisierte Ergebnisse liefert für die Einzelne. Sie ist nebenwirkungsfrei, ermächtigt und macht stärker und klüger. “
Warum ist für die hormonfreie Verhütung so entscheidend auf ein zertifiziertes Medizinprodukt wie trackle zu setzen, statt sich auf Perioden-Tracker zu verlassen?
„Weil trackle direkt und klare Daten erhebt, die ein normaler Tracker nicht erhebt. trackle ist viel genauer und sicherer dadurch; es leitet direkt am eigenen Körper ab. Wissenschaftlich korrekt also. Periodentracker sind auch gut für einen allgemeinen Zyklusüberblick, aber viel zu vage und ungenau für die sichere Verhütung.“
Warum empfehlen so viele Gynäkolog*innen auch heute noch die Pille als einzig sichere Verhütung, obwohl es weitere sichere Optionen gibt?
„Viele Gynäkologinnen haben Angst davor, dass die Patientin schwanger wird und sie „schuld“ sind. Daher setzen sie auf die Pille. Die Pharmaindustrie spielt auch eine Rolle und eine gefügige Frau an sich ebenfalls.“
Warum fällt es vielen schwer, über den Zyklus zu sprechen – und was müsste passieren, damit Themen wie Verhütung und Fruchtbarkeit gesellschaftlich normalisiert werden?
„Der Zyklus ist oft durch die Menstruationsflüssigkeit leicht „eklig“ besetzt (unnötig und unrichtig); wir sollten Glitzer und Ermächtigung auf die Menstruation tun. Im Matriarchat wäre das alles normal und toll. Abgewertet wird über die Entmächtigung der Frauen, weil sonst klar wäre, wie stark sie sind.“
Fazit
Das Gespräch mit Prof. Dr. Mangler macht deutlich: Zykluswissen ist weit mehr als nur ein Mittel zur Verhütung. Es ist eine medizinische Kompetenz, die Frauen hilft, aus der Rolle der passiven Patientin herauszutreten und zur Expertin für den eigenen Körper zu werden.
Anstatt den Zyklus durch pauschale „Übertherapien“ zu unterdrücken, bietet die gezielte Beobachtung die Chance auf eine selbstbestimmte Gesundheitsvorsorge. Mandys Appell ist klar: Wer lernt, die biologischen Signale wissenschaftlich korrekt zu deuten, gewinnt nicht nur Sicherheit bei der Verhütung, sondern auch ein neues Level an Lebensqualität und Souveränität.
Prof. Dr. Mandy Mangler
Chefärztin für Gynäkologie & Geburtsmedizin
Der Artikel wurde zuletzt am 14.10.2026 aktualisiert.